![]() Brandenburg 1921, Kohlezeichnung, 20 x 35 cm |
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Lotte Hörmann-Siller: Zwischen Erde und Himmel Band II des Gesamtwerkes von Lotte
Hörmann-Siller in drei Bänden.
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Aus den lyrischen Tagebüchern 12. April 1916 Mit Urgewalt faßt heute mich der Frühling an und macht mich grenzenlos mit sich verbunden, daß ich nichts fühle als nur ihn und alles abfällt, was mir sonst gehörte. Nur Luft bin ich und Sonne, Erde, und gebe nur dem linden Wind, dem Sturm mich hin. Daß man so ganz sich dir verlieren kann, mein Frühling du, mein rauschend Werden; denn ich erschrecke fast, und liebe dich doch wie mein Leben und bring dich mir zum Opfer dar. Es gibt ja soviel Schönheit auf der Erde, ich weine, daß sie gar so einsam ist. Es müßten Freudenfeuer flammen auf allen Höhen, dir, unbeschreiblich seliger Gewalt, und zünden müßten sie in allen Herzen, sodaß ein großer Rausch zum Himmel schlägt. Mein Frühling, gib mir immer neue Kraft, dich immer reicher zu erleben. |
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Aquarell von 1924 20 x 27 cm |
21. April 1924 Frühmorgens Heute taucht mein Sinn empor wie Morgennebel leicht, Wenn von dem klaren Wiesentau er auf zum Himmel steigt! |
Es kräuselt sich mein froh Gemüt in leichtem Tanze hin, Und aller Bläue lichter Schein wird selig mein Gewinn! Beschwingt schreit' in die Frühe ich, und alles schwingt sich mit, Es ist, als ob die ganze Welt teilt meinen Wanderschritt! |
Und alles Lebens letzter Schluß dünkt mich die Leichtigkeit, Mit der in reiner Anmut sich wirft in den Himmel weit Dort jener Vögel Jubelschor in morgendlicher Luft, Und unbeschreiblich hold und herb umfängt mich aller Duft! |
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5. August 1919 Abendweg Wenn ich versunken schreite In abendlicher Weite, So scheint mein tiefstes Wesen In dir sich ganz zu lösen. Und langsam still versonnen Ist Dämm'rung niederkommen, Ein letztes gold'nes Wehen Als Klarheit noch zu sehen. |
Sonst nur ein weiches Gleiten Von blauen Dunkelheiten, Und köstlich trink und fühle Ich rings die milde Kühle. Ein Lichtlein in der Ferne Und hoch am Himmel Sterne, Die zeigen ohn' Ermatten Durch flieh'nde Wolkenschatten Mir weite Ewigkeiten. Könnt' immerfort so schreiten. |
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Kohlezeichnung auf Pergament,1950 20 x 30 cm |
Leben Oh, Leben, laß mich eine Atempause lang aus deinen Händen gleiten, etwas abseits liegen – wie in Weiten -, so wie der Wellenschlag in stiller Bucht leiser bewegt nur von dem offenen Meere. Es tut so gut, im Abglanz und im Abklang dazusein - ein Weilchen lang - ; |
Bedrängnis ließ zu oft die Seele beben, erschüttert lebt das allzu nahe Herz! Schenke mir ein wenig Fernesein! Mit jedem Atemholen sänftiglich, wie meines Kindes Lächeln aus des Schlafes Quell, neut sich Gefäß in mir und keimen Kräfte! Dann, Schicksal, mag Beginn und Spiel mir wieder sein, und wach und wartend horche ich der Melodien! |
Chorin 20. März 21 Es wölbt sich zu Häupten unbändiger Himmel, zerrissene Wolken jagen einher, blautrunkene Wälder flammen im Westen, unendliche Wege dehnen sich aus. Unbändiges Herze, du bist in allem, in Stimmen und Häusern, in Fernen und Feld. Du pochst in aller Wesen Geschicke, einsame Straßen wanderst du lang. Wachsend in alle Tiefen der Dinge sind keine Grenzen mehr hemmend gespannt. Brände des Lebens tauchet ins Herz mir, laßt mich ergreifen Unendlichkeit. |
![]() Landschaft bei Chorin, 1936, Pastell 37 x 47 cm |
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